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Manchmal realisieren wir Chancen erst, wenn sie vertan sind.

Je älter ich werde und je mehr ich lese und mich mit Menschen unterhalte, desto öfter denke ich über mein bisheriges Leben nach. Immer öfter realisiere ich, dass ich viele Chancen nicht genutzt habe, die sich mir wohl nicht mehr bieten werden.

Wir wurden in der Schule mit Bloch, Enzensberger, Hoffmann und anderen gequält. Wir taten unsere Leher_innen als weltfremde Spinner_innen ab, wenn sie uns vom Kampf gegen die Startbahn West erzählten. Wir begriffen nicht wirklich, was sie uns mit auf den Weg geben wollten. Heute bin ich dabei zu begreifen, welch ein Gewinn diese Lehrkräfte gewesen wären, wenn ich einfach nur zugehört hätte. Wenn ich nicht nur das erfüllt hätte, was sie aufgrund des Lehrplans von mir erwarteten, sondern wenn ich die essentiellen Dinge begriffen hätte, die mir wirklich eine Lehre hätten sein können.

Wieso komme ich in Gespräche mit meinen Großeltern immer nur auf das Thema DDR zu sprechen, wenn wir die aktuelle politische Situation in der BRD kritisieren? Wieso sprechen wir nicht einfach mal so über die DDR. Wieso weiß ich nichts darüber, welche Rolle meine Großeltern in der DDR hatten, wie sie wirklich dazu standen. Und wieso weiß ich nichts darüber, was meine Großeltern vor der DDR machten. Wie haben sie sich verhalten, im dunkelsten Kapitel der neueren Geschichte. Waren sie in der Nazidiktatur Sympatisant_innen, Mitläufer_innen oder haben sie sich gar im Widerstand befunden.

Wieso versuche ich so viele Gespräch wie möglich mit Zeitzeug_innen, KZ-Überlebenden, zu führen und führe Schulklassen durch KZ-Gedenkstätten aber nutze nicht einfach mal die Chance mit Menschen zu sprechen, die in der Nazidiktatur “einfach nur gelebt” haben.

Chancen tun sich häufig auf und man muss sie erkennen. Sie können schneller vorbei sein, als uns lieb ist und viel zu oft kehren sie nicht mehr wieder.

Ich werde für den nächsten Besuch bei meinen Großeltern wohl mehr Zeit einplanen, Fragen stellen und einfach mal zuhören.